Safety & Health im Unternehmen

Im Interview mit unserem Arbeitssicherheitsexperten Markus Goller.

LP: Markus, zu deinen Arbeitsschwerpunkten bei TMI gehört „Safety & Health“, ein seit Jahren sehr wichtiges Thema für Unternehmen.

 

LP: Vor welchen Herausforderungen stehen Unternehmen beim Thema Safety & Health aus deiner Sicht?

MG: Vieles wurde im Bereich Arbeitssicherheit bereits erreicht. Systeme und Schutzvorrichtungen wurden vorangetrieben und technische Verbesserungen vorgenommen. Dennoch machen Unternehmen die Erfahrung, dass selbst trotz der besten Prozesse, Verhaltensrichtlinien und Leitfäden noch zu viele Unfälle passieren. Oft hängen diese Unfälle gerade mit dem persönlichen Verhalten der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zusammen –  beispielsweise, wenn sich jemand nicht an gegebene Vorschriften gehalten oder nicht die vorgeschriebene Schutzkleidung getragen hat. Daher ist es wichtig, Impulse zu setzten, um das Thema für jeden stets präsent und relevant zu machen – und zwar jeden Tag aufs Neue. Das größte Hindernis stellen dabei die Routinen selbst dar. Sie verleiten uns, in Automatismen zu verfallen, nicht mehr aufmerksam für unser Verhalten zu sein und gar fahrlässig zu werden. Der menschliche Faktor spielt an dieser Stelle also eine zentrale Rolle und ist zugleich die größte Herausforderung. Dort setzen wir an.

 

LP: Was genau können Unternehmen tun, um sich hier weiter zu verbessern?

MG: Wir stellen bei unserer Arbeit für den nächsten Entwicklungsschritt in den Unternehmen den Menschen mit ihren Haltungen und Einstellungen in den Fokus. Was wir im Bereich Safety & Health damit erreichen ist ein Mindset-Wandel, der zu einer authentischen und nachhaltigen Verhaltensänderung führt. Im Kern geht es also um verhaltens- und wertebasierte Arbeitssicherheit. Es gilt, ein Bewusstsein für Risiken zu schaffen, Verhaltensmaßnahmen zu schulen, und die Übernahme von Verantwortung für sich und andere fest in die Unternehmenskultur zu verankern.

Dabei verfolgen wir zwei Ziele: Erstens, bei allen Beteiligten – basierend auf der Einsicht über die Wichtigkeit des Themas – eine positive Einstellung gegenüber Arbeitssicherheit zu erreichen. Zweitens, eine Kultur der Fürsorge zu schaffen, in der Mitarbeiter gegenseitig aufeinander aufpassen und proaktiv für Sicherheit sorgen, ohne dass dies als arrogantes Einmischen gewertet wird.

 

LP: Wie gelingt das konkret, die Mitarbeiter und Führungskräfte zu bewegen mehr Eigenverantwortung für sich und andere in Bezug auf Sicherheit zu übernehmen?

MG: Es ist wichtig, das Wunschverhalten bezogen auf Arbeitssicherheit zu formulieren, zu trainieren und die Reflektion des eigenen Verhaltens einzuüben. Doch das allein reicht nicht. Es gilt, eine innere Motivation für Achtsamkeit zu bewirken, sodass die Einhaltung von Sicherheitsregeln aus einer eigener Überzeugung heraus geschieht. Dazu hilft es, sich die Frage zu stellen: Was ist mir meine Gesundheit eigentlich wert? Sich dessen bewusst zu werden, erhöht meist auch die Bereitschaft, Regeln einzuhalten. In unseren Workshops arbeiten wir daher viel mit Visualisierungen, Storytelling und Live-Beobachtungen, um eine emotionale, persönliche Betroffenheit zu schaffen. Wir bieten den Rahmen, interaktiv in den Austausch zu gehen und zu reflektieren, Automatismen abzulegen, und den eigenen Blick für Risiken zu schärfen.

Wir hinterfragen die „mir passiert so etwas nicht“-Mentalität. Denn viele Menschen haben eine verzerrte Wahrnehmung von der Wahrscheinlichkeit, mit der Unfälle passieren. Anfangs hören wir von den Seminar-Teilnehmern oft: „Das habe ich schon hundertmal gemacht, da ist nie etwas passiert“. Doch wie bei einem Würfel die Wahrscheinlichkeit eine sechs zu würfeln nicht steigt, weil die letzten drei Male eine sechs gefallen ist, so verringert sich auch die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls nicht, nur weil die letzten drei Male nichts passiert ist. Wir bewegen die Menschen dazu, sich die möglichen Konsequenzen immer wieder klar zu machen und sprechen sie auf einer persönlichen, privaten Ebene an. Denn beim Thema Sicherheit kann man Privates und Berufliches nicht trennen, da Unfälle im Berufsleben eben auch eine enorme Auswirkung auf das private Leben haben.

 

LP:  Was bedeutet das für Führungskräfte?

MG: Kernaufgabe einer Führungskraft ist es, Arbeitssicherheit zu einem persönlichen Thema für sich und alle anderen zu machen sowie Eigenverantwortung bei den Mitarbeitern zu entwickeln.

Trotz hierarchischer Strukturen muss die Kultur der Fürsorge maßgeblich von der Führungskraft als Vorbildfigur mitgetragen und vorgelebt werden. Es muss also ein Umfeld und Raum geschaffen werden, der offen für die Reflektion persönlicher Verhaltensweisen ist. Dies erfordert einen Umgang mit den Mitarbeitern auf Augenhöhe, von Mensch zu Mensch, ohne die Hierarchie außer Kraft zu setzen. Das ist nicht immer einfach und erfordert manchmal Mut.

Des Weiteren sollten Führungskräfte nicht nur Fehlverhalten tadeln, sondern auch korrektes Verhalten wahrnehmen und loben. Somit verschiebt sich der Fokus auf das Positive.

 

LP: Hast du schon selber eine eigene prägende ganz persönliche Erfahrung mit dem Thema Safety und Health gemacht?

MG: Ja! Als ich erfahren habe, wie viele Personen jährlich bei Treppenunfällen sterben. Jeder von uns denkt doch, er könne Treppen gehen – auch ohne sich dabei am Geländer festzuhalten. Aber in Deutschland sterben tatsächlich mehr als 1.500 Menschen jedes Jahr aufgrund eines Treppensturzes. Diese Zahl hat mich betroffen gemacht und zum Nachdenken gebracht. Auch in meiner Verantwortung gegenüber meiner Familie. Seitdem führe ich mir das vor Augen und achte darauf, mich beim Treppengehen an den Handlauf festzuhalten. Dieses Beispiel verdeutlicht gut, dass Safety & Health mit einem emotionalen Umdenken verbunden ist.

 

Das Interview führte: Lea Pépin (Projektassistenz)