SICHER BEI DER ARBEIT. GESUND NACH HAUSE.

Das haben Sie sicher schon zig Mal ohne Malheur geschweige denn größeren Unfall geschafft – gut, die Computermaus fällt bei solchen Aktionen regelmäßig auf den Boden, aber dafür haben Sie alles mit nur einem Gang in Ihr Büro transportiert. Et hätt noch immer jot jejange, sagt der Rheinländer… bis zu dem einen Mal, bei dem es nicht mehr gut geht. Ein Stolpern auf der Treppe, keine Hand am Handlauf, kein Auffangen möglich – das reicht aus, um die vielen „et hätt noch immer jot jejange“-Male von jetzt auf gleich zunichte zu machen – im schlimmsten Falle unwiederbringlich.

Es muss ja nicht immer gleich das Schlimmste passieren. Und klar, auf dem Bau, in Fabriken oder in Arbeitsumfeldern, in denen mit schwerem Gerät hantiert wird, gibt es jede Menge Sicherheitsbestimmungen, die Unfällen vorbeugen sollen. Das macht Sinn – aber was soll im Büro schon groß passieren? Das denken Sie jetzt vielleicht.

Routine – die Gefahrenfalle

Aber oft ist es nicht die unsachgemäße Bedienung einer Maschine oder die nachlässig getragene Schutzkleidung. Es ist nicht die fehlende Sicherheitseinweisung oder der Mangel an Verständnis dafür. Es sind vielmehr die kleinen, allzu menschlichen Dinge, die zu unnötigen Unfällen führen – Unachtsamkeit, Vergesslichkeit, Routine, Ungeduld, Eile. Diese Dinge begleiten uns alle Tag für Tag, mal mehr und mal weniger. Diese Dinge führen dazu, dass wir das Schild, das uns dazu auffordert, den Handlauf beim Treppensteigen zu nutzen, übersehen. Dass wir den auf dem Boden verschütteten Kaffee zwar sehen, aber nicht wegwischen. Dass wir den schweren Karton eilig auf der nah gelegenen, aber zu kleinen Abstellfläche unsicher positionieren – und dabei jedes Mal in Kauf nehmen, dass wir durch unser Verhalten Unfallquellen produzieren und uns und andere in Gefahr bringen.

2016 gab es laut DGUV (Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung) in Deutschland 802.000 meldepflichtige Arbeitsunfälle und über 400 tödliche Unfälle am Arbeitsplatz. Statistisch gesehen kommen auf 30.000 unsichere Handlungen und Beinaheunfälle (die nicht weggewischte Kaffeepfütze auf dem Boden, das Treppensteigen mit vollen Händen), 3.000 Erste-Hilfe-Fälle, 300 Unfälle mit leichten und schweren Folgen und ein Todesfall.

Et hätt doch nit immer jot jejange…

Verhaltensbasierte Arbeitssicherheit

Sicherheitsbeauftragte in Unternehmen bestätigen das, was wir jeden Tag selbst an unserem Verhalten ablesen können: Hinweisschilder, das Wissen um Verhaltensregeln und Sicherheits-unterweisungen schaffen nur bedingt Abhilfe. Doch was schafft Abhilfe? Wie wird Arbeitssicherheit zu einem selbstverständlich gelebten Wert an jedem Arbeitsplatz?
Bewusst wahrnehmen und Verantwortung für sich und andere übernehmen – das sind die wesentlichen Stellhebel für eine sicherheitsbewusste Kultur, in der Menschen auf sich und ihre Mitmenschen achten.

Es gilt also an der Einstellung der Menschen in Unternehmen zu arbeiten, um damit eine Verhaltensänderung zu bewirken. Schließlich können rund 90% der Arbeitsunfälle durch das eigene Verhalten vermieden werden.

Alles übertrieben? Betrifft Sie nicht? Überlegen Sie kurz, ob und wann Sie zuletzt den Handlauf beim Treppensteigen genutzt haben? Oder einer Ihrer Kollegen? Wenn Sie oder Ihr Kollege sich beim Ausrutschen nur einen blauen Fleck und einen Schrecken holen, ist es noch einmal glimpflich ausgegangen. Ein gebrochener Arm würde schon andere Folgen mit sich bringen. Schlimmeres sowieso.

Den Autopilot ausschalten

Das soll nicht bedeuten, dass Sie Ihren Alltag nun mit permanenter Sorge vor Unfällen begehen müssen. Vielmehr geht es darum, vom gelebten Automatismus in eine bewusste Wahrnehmung zu wechseln, die Herausforderungen zu erkennen und das eigene Verhalten entsprechend zu ändern. Der Grad der Sensibilisierung jedes Einzelnen bestimmt das Niveau des gesamten Unternehmens.

Erfahrungen zeigen, die Zahl der Arbeitsunfälle kann durch ein geschärftes Bewusstsein für das Thema Arbeitssicherheit nach einem Jahr um 29%, nach fünf Jahren um 72% und nach mehr als sieben Jahren um 79% reduziert werden – wenn das kein Ziel ist!

Wie sind Sie aktuell an Ihrem Arbeitsplatz / in Ihrem Unternehmen aufgestellt…? 

  • „Commitment“ statt „Compliance“: Wird Sicherheit wirklich ernst genommen? Von allen? Auch auf dem Bürostuhl?
  • Hoch statt niedrig priorisiert: Hat das Thema Arbeitssicherheit – für jeden Mitarbeiter – eine hohe Priorität?
  • Offen und lebendig statt eingefahren und starr: Gehört das Thema Arbeitssicherheit ganz selbstverständlich zum Arbeitsalltag? Sprechen Mitarbeiter sich gegenseitig auf mögliche Gefahren an? Werden diese Hinweise ernst genommen? Beheben Mitarbeiter mögliche Gefahrenquellen eigenständig?
  • So niedrig wie möglich statt akzeptabel hoch: Heißt so niedrig wie möglich wirklich niedrig oder nehmen Sie eine gewisse Anzahl an Arbeitsunfällen hin? Wenn ja, wie viele und warum?
  • Notwendig statt hinreichend: Treibt jede Führungskraft und jeder Mitarbeiter Arbeitssicherheit so voran, wie es notwendig ist? Ist jedem klar, wo hinreichend aufhört und wo notwendig anfängt?

 

Autor: Nicolas Papavero (Berater)